Ypern

Die Stadt, die mit den Toten lebt (DLF 2003)

Ypern (Ieper) in Flandern, heute 35 000 Einwohner, war die erste Stadt, die im 20. Jahrhundert dem Erdboden gleich gemacht wurde - ausradiert wie Stalingrad oder die Altstadtkerne von Warschau und Danzig. Deutsche Artillerie leistete ganze Arbeit. Rund um den Ort, auf mehr als 170 Gräber-feldern, ruhen die Überreste von einer halben Million (meist britischer) Soldaten.

In 60jähriger Arbeit wurde Ypern, Stein für Stein, wieder aufgebaut - "mittelalterlicher denn je", wie ein Stadthistoriker frotzelt. Die Einwohner von Ypern haben sich auf dem weitläufigen Friedhof eingerichtet; viele ziehen Nutzen daraus. Seit Jahrzehnten boomt der Schlachtfeldtourismus. Andere möchten dieses Image loswerden. Das kühnste Unternehmen, genannt "Flanders Language Valley" (eine High-Tech-Siedlung für die Entwicklung von Spracherkennungs-Programmen) endete allerdings mit einem Fiasko.

Der Autor trifft Opfer dieser Riesenpleite. Er gräbt mit den "Diggers", einer Gruppe von Amateur-Archäologen nach Knochen und Waffen, die noch überall verstreut sind. Geht mit britischen Touristen auf Gräbersuche. Er schlendert über den Marktplatz und durch nächtliche Straßen. Lauscht dem Carillon-Konzert auf dem Belfried der wieder-erstandenen Tuchhalle. Blickt beim allabendlichen "Last-Post"-Blasen am Stadttor in die tränenfeuchten Augen ordensgeschmückter World War One Veteranen. Besucht das akustisch aufregende, interaktive Antikriegsmuseum "In Flanders Fields" und unterhält sich mit Mitarbeitern und Besuchern über die Frage, ob erlebtes Grauen den Nachgeborenen vermittelt werden kann. Er zitiert aus