Der kurze Winter der Gerechten

Ein Feature über die Stasi-Debatte, die Sehnsucht nach Normalität und die Leiden politischer Moralisten (1999)

In der öffentlichen Debatte um den richtigen Umgang mit der Geheimdienst-Krake Staatssicherheit und ihren Zuträgern spielen sie kaum noch eine Rolle: die Abwickler und Aufdecker der ersten Stunde; die Einzelgänger mit dem lauten Gewissen, die sicherstellen wollten, dass nichts unter den Teppich gekehrt wird. Eine Behörde hat das Terrain besetzt, die Bewältigungs-Arbeit ist in öffentlicher Hand - und die meisten sind’s zufrieden.

Nicht so der Schriftsteller und ehemalige Stasi-Häftling Jürgen Fuchs, der in seinem Roman „Magdalena“ von der „Firma VEB Horch & Gauck“ und „Landschaften der Lüge“ schreibt - und er meint damit das neue, größere Deutschland, das sich für moralisch und politisch überlegen hält. Wie viele Rigoristen des Aufräumens hat ihn die Krake auch nach dem Ende der DDR nicht losgelassen.

Er und andere „Abwickler“ werden bis heute mit anonymen Anrufen, Zusendung von Fäkalien-Paketen oder Morddrohungen gequält. Die Ankläger fühlen sich mehr und mehr in die Rolle der Angeklagten, zumindest aber der ewigen Störenfriede gedrängt.

Beispiel: der Liedermacher Andreas Schmidt. Der Sohn eines Jenaer Polizeioffiziers war einer der ersten, die 1989 die Stasi-U-Haftanstalt in Gera besetzten; da wurden die Akten noch mit Maschinenpistolen bewacht. Heute ist Schmidt von der Gauck-Behörde beurlaubt und in psychotherapeutischer Betreuung. Wie viele andere hat er das Wechselbad der Gefühle und Interessen im Umgang mit der „Firma“ nicht verkraftet.