Raketensommer 83

Analyse eines Alptraums (1998)

Für die europäische Friedensbewegung standen die Uhren damals eine Minute vor Zwölf. Aus geopolitischem Überdruck oder aus Versehen konnte schon morgen - schon heute - der finale Weltbrand ausbrechen. Pershing-Raketen gegen SS 20, Nuklearer Winter, „The day after“ - täglich neue Schreckens-Szenarien. Und Demonstrationen, Blockaden, Hungerstreiks, Mahnwachen überall in Europa. Am 23. Oktober 1983 versammelten sich 500 000 Menschen im Bonner Hofgarten. Gert Bastian und Petra Kelly sprachen, Robert Jungk und Heinrich Böll; Willy Brandt wurde ausgepfiffen.

Der Autor, Mitbegründer einer bundesweiten Journalisten-Initiative, besuchte in jenem „Raketensommer“ 1983 und im folgenden Jahr zahlreiche Brennpunkte des Protests. Er fuhr mit einem US-Raketen-Konvoy durch die Schwäbische Alb, debattierte durch die Stacheldrahtzäune amerikanischer Munitionsdepots im „Fulda Gap“ mit olivgrünen GIs und deutschen „Schwarzen Sheriffs“, erlebte die Massenaktionen der europäischen Friedensbewegung, ihre Strategie-Diskussionen und Trainingscamps für gewaltlosen Widerstand - und auch die Ablehnung, ja Feindseligkeit der „betroffenen Bevölkerung“. Er sah und hörte Scheitern, Frust, Verzweiflung, Gewöhnung an das Unausweichliche. Schließlich: das allmähliche Abklingen der Empörung.
Der Kalte Krieg ging zu Ende, die politischen Eisblöcke begannen zu schmelzen. Der Weltuntergang war - trotz des verstörenden Golfkrieg-Intermezzos - erst einmal verschoben..

Nun, 15 Jahre nach dem „Raketensommer“, hört der Autor die Tondoku-mente von damals mit Staunen. Das haben wir wirklich erlebt ? So haben wir gedacht, gesprochen ?