Gedanken über das Große Radio-Feature

(1) Der Radiodokumentarist, schrieb Alfred Andersch 1953, bewege sich in dem weiten Raum „zwischen Nachricht und Drama“. Das heißt u. a.: Unser Publikum hat Anspruch darauf, auf spannende, möglichst unterhaltende Art informiert zu werden - und mit Spannung sei die „oberflächliche“ des Kriminalfalls ebenso gemeint wie die geistige zwischen unterschiedlichen Standpunkten.

(2) Dabei sollte immer erkennbar bleiben, dass die Traditionslinie des Features ihren Anfang nicht im Fiktiven sondern im Faktischen hat, nicht im Künstlerischen wie das Hörspiel sondern im Dokumentarisch-Journalistischen - dies allerdings im denkbar weitesten Sinn.

(3) Hörer müssen gewonnen werden - vor allem durch THEMEN. Das Feature der Zukunft wird (wieder) verstärkt ein Themen-Feature sein müssen. Jedes Thema, das wir behandeln, sollte auch zur Titelgeschichte einer anspruchsvollen Illustrierten oder Wochenzeitung mit Millionenauflage taugen.

(4) Das Feature muss sich seiner journalistischen Wurzeln erinnern - der „niederen“ Tradition des Tages-, Enthüllungs-, ja Sensations-Journalismus (wie ihn Zum Beispiel E. E. Kisch definiert und rehabilitiert hat) ebenso, wie der „hohen“ literarischen (Mark Twain, Hemingway, Zola, Stefan Zweig, Dostojewskis „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“, Tsche-chows „Krankensaal Nummer 6“ und so weiter). Der Journalismus solchen Kalibers hat es nicht nötig, sich ein künstlerisches Mäntelchen umzuhängen. Das Dokumentargenre, das ich meine, ist weder grau und langweilig noch abgehoben oder in sich selbst verliebt.