Geräusch-Inszenierung versus "Authentizität"

Einige Anmerkungen über die Vieldeutigkeit von Geräuschen im Radio
Erschienen in CUT-Magazin ("Feature-Workshop")

"Natürlich erhalten Sie den O-Ton von Sevilla", schreibt der Autor an die Feature-Redaktion. Und er meint: Sevilla soll in seinem Stierkampf-Feature Hörplatz sein, akustisch anwesend, unverwechselbar. Doch am Ende wird der Autor bestenfalls eine Kollektion von O-Tönen aus Sevilla mitbringen, eine Auswahl von Klangereignissen, die er (und so nur er) auf Tonband aufgezeichnet hat. Den O-Ton "Sevilla" gibt es nicht.

Sobald wir das Mikrophon in die Hand nehmen, beginnt die "Manipulation". Schon die Beschaffenheit der Aufnahme-Apparatur, das verwendete Speichermaterial, der praktische Umgang mit den Geräten, Wetter, Jahres- und Tageszeit, Wahl des Orts, der Richtung, des Aufnahmewinkels u.s.w. entscheiden über den akustischen Eindruck, den das Hörpublikum von der 'objektiven Wirklichkeit' erhalten wird.

Die 1:1 Aufnahme ist also keineswegs 'die Wirklichkeit' und schon gar nicht 'die Wahrheit', vielmehr weitgehend ein Zufallsprodukt - während es doch darum geht, das Charakteristische eines Ortes / einer Situation zu übermitteln.

Anders als das unwissende Mikrophon, das immer nur eine Summe des augenblicklich Hörbaren abbildet, hören wir selektiv und reflektierend. Wir filtern aus den Umgebungsgeräuschen - wie mit einem Equalizer - der Reihe nach einzelne Frequenzen heraus, identifizieren die dazu gehörenden Schallereignisse und ihre Bedeutung; und zusätzlich vollführen unsere Augen Schwenks und Zooms und vervollständigen die akustischen Mitteilungen aus